Mittwoch, 23. Dezember 2009

Notizen zu SYNECHDOCHE, NEW YORK (2009)

(H. Carstensen)


Caden Cotard wacht auf und bleibt liegen. Im Radio verkündet die Literatur-Professorin den Herbstanfang, zitiert Rilke: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Als Caden Cotard in der Küche ankommt, mit seiner Frau und Tochter zu frühstücken beginnt, datiert die Zeitung auf den 17.Oktober, ist die Milch, deren Mindesthaltbarkeit am 20.ten endet, plötzlich schlecht, und wünscht der Radiosprecher wenige Einstellungen später „Happy Halloween!“. Lautlos inszeniert ist der Einstieg in das zeitverzerrte Leben des vierzigjährigen Theater-Regisseurs in SYNECHDOCHE, NEW YORK.

Caden ist ein Hypochonder, besessen von der Angst zu sterben, bevor er seinem Leben Bedeutung gegeben hat. Einsam gleitet er durch zwei Monate, als sei es derselbe Morgen. Es sind nur winzige Indices, die in rascher, beiläufiger Montage auf die Dauer der erzählten Zeit verweisen, die stets präsent ist und sich doch immer entzieht, wie der Virus im Cartoon, der im Hintergrund über die Mattscheibe flimmert, und den die Off-Stimme beschreibt als „etwas Unsichtbares im Gewebe des Körpers“. Die stetig fließenden Schnitte, und die unaufgeregte Inszenierung des leicht chaotischen Frühstücks im heruntergekommenen Heim der Cotards emulieren Cadens´ Wahrnehmung: eine Welt voller flüchtiger Spuren, deren Fülle man nicht Herr werden kann, deren Bedeutung irgendwo zwischen Fragment, Assoziation und Unannehmlichkeit liegt, und die sich im Fluss der Augenblicke schon wieder entzieht, bevor man ihr auf den Grund geht. Die ersten Minuten von SYNECHDOCHE NEW YORK sind voll mit Bedeutungen.

Nur mit Beziehungen, beispielsweise zu Frau Adele und Tochter Olive, scheint Caden Probleme zu haben. Er liest Zeitung und ist ironisch amüsiert über den ersten Fall von Vogelgrippe in der Türkei („Birdflu in Turkey - the country, not the bird, obviously. That´s ironic.“), doch keine der beiden möchte sein Amüsement so recht teilen. Jeder ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Eingangs-Sequenz ist durchsetzt von Miniaturen dessen; woraus sich SYNECHDOCHE NEW YORK zusammensetzt, und zeigen an, wie Regisseur Kaufmann mit der zum Strukturprinzip erhobenen rhetorischen Figur in den kommenden zwei Stunden umgeht: Teile geschichtet auf Teile, die zwar eine immer komplexere Verweisstruktur potentieller Bedeutung erschaffen, aber nie das gesuchte Ganze ergeben, und sich stattdessen vor den Augenblick stellen.

Konventionelle Chronologie interessiert Kaufmann wenig. Nachdem Adele und die vierjährige Olive wenig später physisch aus Cadens Leben verschwinden, weil Adele den ewig Schlechtgelaunten für ihre Malerei-Karriere in Berlin verlässt, bleibt seine innere Uhr an diesem Punkt stehen, auch wenn die äußere Welt sich um Jahre weiter dreht. Ähnlich wie schon in ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTTLES MIND (Michel Gondry, 2004) definieren Gefühle und Erinnerungen der Hauptfigur die Wahrnehmung seiner Welt. Auch wenn sich psychosomatische und handfeste Leiden von Cadence heftig und schubhaft als Zittern, Blut in Stuhl und Urin oder blutigen Pusteln im Gesicht manifestieren, sich im Laufe der Story zu einer grotesk großen, täglichen Hand voll Tabletten summieren, so wird er doch alt, und überlebt Eltern, Frau und Tochter. Es ist die neurotische Angst der professionellen Zeichensetzer Caden / Kaufmann vor den Zeichen von Krankheit und Tod, die die teils drastische, teils liebevoll-schrullige Inszenierung von Rasierunfall, Speichelfluss-Problem und Impotenz motiviert, und weniger die reale Bedrohung selbst.

Das ultimative Sinnbild für Cadens Motivation, dass all seine Äußerungen und Handlungen zu einem sich Abarbeiten am inneren, ungelösten Konflikt zwischen Kreativität, Tod, und ungelebtem Leben verdichtet, ist jedoch das Set seines Theaterprojekts, seinem Opus Magnum: die originalgetreue Nachbildung New Yorks´ in einem Lagerhaus in New York (das natürlich eine Lagerhalle enthält, in der eine weitere Lagerhalle steht usw.) Eine Synekdoche, die mit wachsender Komplexität immer weniger Teil, immer mehr Ganzes ist, kaum noch vom Original zu unterscheiden. Längst ist das Projekt selbst zu einer kleinen Stadt geworden; gibt es Schauspieler in der Lagerhalle im Lagerhaus, die die Schauspieler aus dem Lagerhaus spielen, die wiederum Charaktere aus dem „echten“ Leben aka der Diegese des Films spielen. Auch Caden findet sich bald selbst in seinem Stück wieder. Sammy, ein Mann der ihm zwar nicht ähnlich sieht, aber ihn die letzten 20 Jahre beobachtet hat, und Caden besser kennt, als der sich selbst, übernimmt seine Rolle. Als Cadens Alter Ego stirbt, wird er folglich auch von einem Schauspieler ersetzt, der Sammy ähnelt, und nicht Caden. Die Kunst startet als Mimesis und endet als Simulacrum - einer der Titel für das Stück, die sich Caden im Lauf des Films überlegt und gleichzeitig eine von zahlreichen Miniaturen, die Kaufmann dank der verschachtelten Konstruktion multipler, sich spiegelnder Wirklichkeitsebenen überall in SYNCEHDOCHE verstreuen kann.

Kann der Film gelesen werden als Fingerübung in postmoderner Ästhetik oder Kommentar auf unsere artifizielle Gegenwart voller designter Oberflächen, so macht er - und das ist seine Schönheit - nicht dabei halt. Der obsessiv detail-versessene Drehbuchautor Kaufmann, erstmals im Regiestuhl, versammelt Motive und Techniken vorangegangener Filme (Identitätswechsel + magischer Realismus in BEING JOHN MALKOVICH / Unmöglichkeit authentischer Repräsentation + mis-en-abyme-Spiegelungen in ADAPTATION / Konstruiertheit von Erinnerung und Identität + Rückkehr in ihre „Kulissen“ in ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND) zu einem Ansatz, der dem ziemlich nahe kommt, was der Schriftsteller David Foster Wallace (INFINITE JEST), ähnlich vom Formalen besessen, in einem Interview 2006 als kreatives Ideal beschrieb: Many of the writers I admire are interested in using postmodern techniques, postmodern aesthetics to discuss or represent very old traditional human verities that have to do with spirituality, emotion and community - ideas that the avant-garde would consider very old fashioned. So there´s a kind of melding. It´s using postmodern formal techniques for very traditional ends. That´s a group I would want to belong to.” Es fällt leicht zu behaupten, dass der Scrpitwriter-turned-director Kaufmann sich zu dieser Gruppe Künstler zählen ließe.

Kaufmann zielt nicht auf „schau wie clever“ - Momente ab. Er sucht wie sein Alter Ego Caden nach einer Form, die Gegenwart und Befinden in voller Komplexität repräsentiert, ohne in die „Hollywood“-Falle zu tappen, den Zuschauer anzulügen, und den Stoff der Formel zu opfern. Caden will ein Stück von „brutaler Ehrlichkeit“ schaffen, nichts dabei auslassen – und macht dies dann eben auch einfach nicht. Wenn für Shakespeare die ganze Welt noch eine Bühne war, erschafft Caden auf der Bühne buchstäblich eine ganze Welt. Die Frage, ob die Kunst das Leben, oder das Leben die Kunst imitiert, stellt sich nach 17 Jahren Proben nicht mehr: beide sind längst eins geworden. Anders als Caden versteht Kaufmann sich der Form als Verdichtungs-Instrument zu bedienen. Sein stetiges Aufmerksam-machen auf die vierte Wand und ihre Durchbrechung schützen den Film davor, ein weiteres Simulacrum zu werden. Er lässt keine Zweifel aufkommen, dass trotz allem formalen Exzess der Motor des Films immer die Emotionen des Protagonisten bleiben. Vergebens, die Fülle poetischer Einfälle und Momente aufzuzählen, die SYNECHDOCHE NEW YORK so sehenswert und typisch Kaufmann machen. Aber sie belegen, wie dieser als Erzähler seiner Figur einen Schritt voraus ist. Wenn Cadens Einsamkeit vorm Sex weinend aus ihm heraus bricht, wirkt er wie übertölpelt von den seelischen Abgründen, die sich auftun, wenn er sich für einen Moment aus seiner kontrollierten Umgebung begibt. Wenn er sich auf die Suche nach seiner Tochter macht, oder er in der Rolle einer Anderen das Apartment seiner Exfrau putzt, um ihr auf diese Weise nahe sein zu können (und die Ironie des Films es will, das jene Rolle der „Anderen“ in der metadiegetischen Welt des Lagerhauses später tatsächlich seine eigene wird), folgt auf die perfekte Inszenierung der Spiegelungen, Doppelungen und Verwirrungen immer der Bruch, zielen Absurdität und Übersteigerung auf die Momente, in denen sich die Figuren sehr menschlich überfordert zeigen, und das postmoderne Spiel erden.

SYNCHEDOCHE NEW YORK ist aus clever angeordneten Kulissen gebaut, die sich ironisch spiegeln – die aber nie menschenleer sind. Das Leiden an der Einsamkeit der eigenen Existenz, daran, eine Sinn zu finden, Liebe, oder Vergebung, sind klassische Themen. Postklassisch bleibt bei Kaufmann die Verpackung, mit der er sich Glaubwürdigkeit erspielt: als richte er sich an ein Publikum, dass erst dem vertraut, der eine hyperreale Filmillusion erschafft, sie erfasst, durchdringt, und meistert - um sie dann einzureißen, und zu verstehen zu geben, dass seine wie auch ihre Wahrnehmung dessen, was sie als authentisch erachten, doch erst hinter diesen Fassaden beginnt – um in der nächsten dialektischen Biege daran zu erinnern, dass ihre Interieurs sich aus Flohmarkt- und Ikea-Stücken rekrutieren, aus Dylon, Jackson, Elliot Smith, aus Bausteinen der medialen Consumer-Culture - dass sie selbst durch und durch kultiviert, entfremdet, synthetisch sind. Sind all diese künstlichen Konstrukte passender Ausdruck von dem „wie es ist“, bleibt die Frage nach dem „wie es sein soll“, oder dem „ob das gut ist“ von all den schönen Objekten gnadenlos unbeantwortet. Kaufmann´s Filme verhandeln dies über die Form, so dass der filmische Raum frei bleibt für das menschliche Drama. Die Suche nach Sinn setzt sich fort, bis zum Ende. Jenes ist von Anfang an eingebaut wie Rilkes Herbsttag in der ersten Szene. Der Zersetzungsprozess auf dem Weg dorthin ist hässlich, wie Cadens diverse Krankheiten zeigen. Erträglich, so Kaufmann, wird dieser Prozess erst durch die Vergebung eines menschlichen Gegenübers, ganz gleich, mit wie viel Ästhetik er in der Zwischenzeit abgepudert, parfümiert und designt wird. So wie am Ende von SYNECHDOCHE, der mit einer an den Neorealismus erinnernden Hoffnung-in-Trümmern-Szene schließt. Postmoderne Verpackung, humanistischer Inhalt, Mittel und Zweck: D.F. Wallace hätte das sicher gefallen.

2 Kommentare:

  1. Weihnachtsgrüße auf diesem Wege zurück, Alter!
    Schöne Beobachtungen die Du hier anstellst, spannende Interpretationen auch.. Scheint Dich gut mitgerissen zu haben, der Film.
    Seh ich alles übrigens ganz ähnlich. Aber doch bisschen anders.
    Funny: Dass Kiefer neulich noch von der Borges Geschichte erzählte, beziehungsweise von ihrer Baudrillard'schen Interpretation, und ich die ganze Zeit überlegt habe bei welchem Film ich in letzter Zeit wieder daran erinnert wurde... Spätestens jetzt weiß ich's also wieder. Anyway, SYNECHDOCHE hat definitiv einen Platz in meiner Jahresbesten Top 10.

    AntwortenLöschen
  2. Das ist die beste Kritik, die ich von Dir bisher gelesen habe.

    Allerdings sehe ich die Emotionen der Hauptfigur nicht so ganz als Motor (oder Anker) des Films. Letztlich bleibst Du damit bei der Gegenüberstellung von formal/künstlich und inhaltlich/authentisch, die der FIlm mit seiner Matryoshka-Stadt kommentiert.

    Aber trotzdem: gute Gedanken zu einem guten Film.

    AntwortenLöschen