Donnerstag, 30. Juli 2009

Gegen-Beobachtungen und Ergänzungen zu THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD (2008)

(T. Hwa)

Die Überschrift des Blogs verspricht Kontroversen, die sich bis jetzt noch nicht ergeben haben. Wenn ich im folgenden auf den letzten Post zu THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD eingehe, so hoffe ich damit wenn schon nicht zu den „Wortgefechten,“ so doch zumindest zum „Dialog“ beitragen zu können.

Zunächst einmal wenig kontroverse Zustimmung: D. Schanz beobachtet ganz richtig, dass das koreanische Kino in seinen Themen und Subtexten eine starke Selbstbezogenheit zeigt, während etwa das neue chinesische Blockbuster-Kino paradoxerweise neben seinen ideologischen bis revisionistischen Implikationen auch eine (zumindest ökonomisch) stark pan-asiatische Ausrichtung besitzt.

Wie auch D. Schanz feststellt, basiert der Western ähnlich wie der Science-Fiction Film auf dem Postulat eines symbolisch aufgeladenen Raumes. Während dieser Raum in Science Fiction primär zeitlich („die Zukunft“) und räumlich bestimmt ist („die Weiten des Alls“), tritt im Western neben die in die Bezeichnung des Genre eingegangene räumliche Definition auch eine soziale Dimension. In der noch im Entstehen begriffenen Gesellschaft der Grenzterritorien erscheinen soziale Grenzen noch durchlässig, die Fähigkeit mit dem Colt egalisiert die Individuen angesichts des Fehlens anderer Normen. Der Westen wird damit zu einer sozialen und individualistischen Utopie und wird als solche mit dem Gründungsmythos der USA verbunden.
Verlagert man nun das setting des Genres nach Asien, so ergeben sich einige interessante kulturelle Wechselwirkungen: die Mandschurai wird hier zum mythisierten, imaginierten, grenzen- und gesetzlosen Westen von Asien. Dieser metaphorische Raum ist zum einen von Bedeutung, da die koreanische Halbinsel so flächenmäßig begrenzt ist und, wie D. Schanz in seiner Interpretation des revisionistischen Subtextes beschreibt, Korea historisch stets von dominanten Mächten in seiner Existenz bedroht war. Zum anderen spielt auch die soziale Entgrenzung eine wichtige Rolle, gerade da asiatische Gesellschaften traditionell von stark hierarchisierten sozialen Strukturen geprägt sind.
Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass der Schauplatz des Films implizit auf eine Vergangenheit zurück verweist, die vor der politischen Existenz Koreas liegt. Die Einwohner Koreas verfolgen ihre ethnischen Wurzeln zu nomadischen mongolischen Reiterstämmen zurück, deren Reich neben der Mandschurai auch Korea, China und große Teile Russlands umfasste. Vielleicht gerade weil die „imperialen“ Versuche Koreas Anfang des 20. Jahrhunderts etwa den gleichen Erfolg hatten wie die kolonialen Bestrebungen des deutschen Reiches, erlaubt es die (Re-)Imagination von Koreanern als "Reitervolk" nicht nur der japanischen Armee Widerstand zu leisten, sondern auch die geographische Isolation der Halbinsel zu überwinden und die Weiten der asiatischen Steppe (wieder) zu erschließen.

Noch zwei kurze Bemerkungen zu den geäußerten Kritikpunkten an filmischen Aspekten, die zum Teil wiederum auf das Genre verweisen. Obwohl ich den Film nicht über Gebühr erheben will, erscheint doch gerade das Urteil über den Showdown des Films nicht ganz gerecht. Stehen sich die drei Protagonisten des Titels in einem Dreiecks-shootout gegenüber, so wird sowohl in der Situation als auch in dem übermäßigen Pathos der Inszenierung die Anspielung auf die „chinese stand-offs“ John Woos deutlich. Über die legitimen ideologischen Deutungen des Inhalts darf man nicht vergessen, dass die Referenz für Kim Ji-Woons Film nicht die Western Leones sind. Mehr als alles andere ist der Film auch eine Genre-farce (im wörtlichen Sinne „füllen“ von enleerten Genrestrukturen). Der Schwerpunkt der Aussage liegt nicht auf „Western,“ sondern auf dem qualifizierenden „by Kim Jee-Won“ das die Abweichung von dem Genre signalisiert. Deutlich wird dies vor allem in der von Song Kang-Ho gespielten Figur („The Weird“). Der quixotische Narr, der in alles nur herein geraten ist, gewinnt am Ende und geht seiner Wege, während sowohl Gut als auch Böse (edit: zunächst) tot im Staub liegen bleiben. Wie in seinen Rollen als ebenso verbissener wie minderbemittelter Kommissar in MEMORIES OF MURDER oder als Kioskbesitzer, der in THE HOST zum Monsterjäger aufsteigt (beide Filme unter der Regie von Bong Joon-Ho), ist er auch hier der sympathische Underdog, der sich überraschenderweise gegen alle Widerstände und abseits aller ideologischen Fronten und Ideale durchsetzt. Eher als den Killer als die dunkle Seite des Turbokapitalismus der modernen koreanischen Gesellschaft zu sehen, bietet es sich an, die Figur des „The Weird“ als leicht ironische Karikatur des koreanischen Selbstbildes zu interpretieren.
Auch wenn man den Film als symptomatisch für eine selbstzentrierte Tendenz des koreanischen Kinos begreift, bilden die kritisierten "dramaturgisch-strukturellen" Schwächen des Films klar eine Parallele zu der Abwesenheit von kohärenter Dramaturgie bzw. der Dominanz des Episodenhaften in westlichen Blockbustern wie FLUCH DER KARIBIK, usw. Bei allen national orientierten Subtexten auf der inhaltlichen Ebene, formal ist hier eher eine Konvergenz hin zu einem internationalen Modell des Blockbusters auszugehen, das Schauwert und Abwechslung gegenüber geschlossener Dramaturgie prädestiniert.

4 Kommentare:

  1. Nach Deiner, überraschend fairen, ergänzenden Gegendarstellung (ich erhebe natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und fühl mich daher geehrt, dass Du an meinen Ideen andockst und auf weitere Punkte hinweist), muss ich allerdings nochmal in zwei Punkten den Klugscheißer raushängen lassen: Zum einen bleibt "The Good" eben nicht tot im Staub liegen, sondern erweist sich als quicklebendig, wenn er kurz danach, in einer Art Epilog, weiter auf der Jagd nach "The Weird" ist - nun determinierter als je zuvor. Und zum anderen wage ich zu bezweifeln, dass Du Leones THE GOOD, THE BAD, AND THE UGLY gesehen hast, da der finale Shootout in Kims Film in der Tat eine inszenatorisch schwache Kopie ist, die sich allein durch ihren metaphorischen Gehalt auszeichnet, indem der "Teufelskerl"-Charakter der Figuren, die einfach nicht totzukriegen sind, nochmals besonders hervorgehoben sind. Klar mag das auch ein Verweis auf John Woo sein, aber (vor allem solche) Zeichen sind ja nunmal vieldeutig, ne?

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  2. Ach, und noch was: der Film ist recht aktuell - zufälligerweise läuft er sogar diese Woche in Berlin im Kino an. Das heißt für mich, dass ich mich mit Spoilern (wie etwa "der Durchgeknallte kommt davon und lässt die andern beiden tot zurück" - oder lag in der fehlerhaften Beschreibung sogar eine Portion wohlbeabsichtigte Subversion?) etwas zurückhalte. Wär schön, wenn Ihr da auch etwas vorsichtiger mit umgeht. Weil es ja vielleicht auch Menschen geben mag, die den Blog hier lesen bevor sie sich die Filme angucken... Also wenn es unbedingt notwendig ist, dann schreib ruhig was zum Ende der jeweiligen Filme, weil wir haben ja mit der Seite eh keinen Service-Auftrag - aber wenn's geht sei da vielleicht etwas sensibler. Oder was meinst Du?

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  3. Lustigerweise habe ich den Epilog tatsächlich vergessen, wohl weil ich ihn nur als eine extrem artifizielle, zusätzliche Wendung gesehen habe. Mit Orson Welles, der immer Aphorismen für alles liefert:"If you want a happy ending, that depends, of course, on where you stop your story."

    Natürlich ist der Film schon ein Remake von Leone (die Anspielung im Titel ist ja kaum zu übersehen). Was ich meine ist, dass die Szene nicht am Western gemessen werden darf, sondern als Parodie des Westerns. Mit "Referenz" meine ich nicht den Rückbezug auf Leone, sondern als "Maßstab," an dem die Inszenierung der Szene zu messen ist. Mein Punkt ist: es ist als würde man "Fluch der Karibik" mit sagen wir "Der rote Korsar" vergleichen wollen.

    Und letztlich die Frage der Spoiler.. daran habe ich gar nicht gedacht. Vielleicht beim nächsten mal.

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  4. Macht Sinn. Schöner Beitrag jedenfalls!

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